Dingskirchen, Irgendwo, Meinetwegen, ….

Anmerkungen zur Zeichnung WV-Nr. 377:

Der einzige Blick nach Zedelgem, 1945, 27,5x20,5 cm, Nachlass Arthur Eden (WV-Nr. 377)
Der einzige Blick nach Zedelgem, 1945, 27,5×20,5 cm, Nachlass Arthur Eden (WV-Nr. 377)

Arthur Edens „Kriegsmappe“ enthält eine Reihe rudimentärer Zeichnungen und Skizzen, die zwischen Mai und August 1945 während seines Zwangsaufenthalts in einem belgischen Kriegsgefangenenlager entstanden. Sein einziger Hinweis auf die Lage des Lagers, in dem er inhaftiert war, ist die Zeichnung einer Landschaft, davor eine Bahnlinie und ein Zaun, ein Feld, ein Wald und in der Mitte, weit entfernt, fast unsichtbar, das Dorf Zedelgem. Bildunterschrift: „Der einzige Blick nach Zedelgem – Belgien“ (WV-Nr. 377). Und doch ist es möglich, anhand weiterer Skizzen das Kriegsgefangenenlager genau zu bestimmen.

Kriegsgefangenenlager Zedelgem, POW-Camp 2226 II

Das Kriegsgefangenenlager Zedelgem (Februar 1945 – September 1946) befand sich im eingezäunten Umkreis eines großen Munitionsdepots (1924 – 1994). Das riesige POW-Camp (Anm.: „Prisoner of war camp“ = Kriegsgefangenenlager) wurde von den Briten betrieben und bestand zunächst aus vier Außenlagern. In den Lagern Nr. 2226 und 2227 wurden die gemauerten Munitionsschuppen verwendet, ergänzt durch Holzbaracken, Wellblechhütten, auch Nissenhütten genannt, und Zelte zur Unterbringung der Kriegsgefangenen. Die Lager 2229 und 2375 waren Zeltlager ohne Baracken.

Im Sommer 1945 betrug die Tageskapazität des Kriegsgefangenenlagers Zedelgem mehr als 62.000 Häftlinge. Die Struktur des Lagers wurde vor allem durch die zwölf parallel verlaufenden Bahnlinien geprägt, die das Gelände des Munitionsdepots eingleisig mit dem Bahnhof Zedelgem und weiter zur Bahnstrecke Ostende-Brüssel verbanden.

Die vielen Bilder der Holz- und Steinbaracken, der kilometerlange Stacheldraht, die Nyssenhütten (WV Nr. 443, 452, 384, 431) und die Wasser- und Wachtürme (WV Nr. 378, 383, 384, 411, 431) könnten jedes Kriegsgefangenenlager in Belgien darstellen. Aber es ist die Kombination der typischen Elemente des ehemaligen Munitionsdepots, die einen ersten Hinweis auf das Lager (2226 bzw. 405, 384, 377, 442, 411, 431) und die Schutzwälle (genannt ‚Merlons‘) um die gemauerten Munitionskasernen (WV Nr. 441, 365, 384, 413, 375, 447, 388) geben.

Konkrete Hinweise

Einige konkrete Zeichnungen von Arthur Eden, die zunächst aus seiner Fantasie zu stammen scheinen, erzählen genau, dass er im Lager 2226 eingesperrt war.

In einem unveröffentlichten Manuskript beschreibt Oberstleutnant Günther von Einem (1894-1978), der Sohn von Generaloberst und Kriegsminister Karl von Einem (1853-1934), seinen ersten Gang durch das Kriegsgefangenenlager 2226, bei dem er einige bemerkenswerte Objekte bemerkte. “… Wir entdeckten einen Wegweiser: Lustige und geschickte Landser hatten ihn errichtet. Ostwärts, in der Richtung also, in der wir gingen stand auf dem Zeiger: ‘nach Dingskirchen‘, in Westen sollte es nach ‘Meinetwegen‘ gehen, und im Norden lag ‘Irgendwo‘. … (WV-Nr. 430)“.

Der Wegweiser, 1945, 20x10,5 cm, Nachlass Arthur Eden (WV-Nr. 430)
Der Wegweiser, 1945, 20×10,5 cm, Nachlass Arthur Eden (WV-Nr. 430)
Rechts das gleiche Motiv aus der Lagerzeitung des Camps 2226.

Und weiter: „… Auf einem kleinen Sandhügel hatten sie eine rheinische Burgruine errichtet. Tief unten zu ihren Füßen glitzerte es, aus Streifen von Konservenbüchsen hatten sie ein Flüsschen entstehen lassen, das sich durch die Landschaft schlängelte. … (WV-Nr. 405, 369)“. Und schließlich: „ … Und ein Märchenbrunnen! Er veranschaulichte die Märchen von ‚Rotkäppchen‘, ‚Froschkönig‘, ‚Hans im Glück‘ und ‚Hase und Igel‘1. … (WV-Nr. 404).

Der Märchenbrunnen, 1945, 10x13,5 cm, Nachlass Arthur Eden (WV-Nr. 404)
Der Märchenbrunnen, 1945, 10×13,5 cm, Nachlass Arthur Eden (WV-Nr. 404)

Und mit diesen Informationen können wir den begrenzten Raum von 75 x 800 Metern, in dem Arthur Eden drei Monate verbrachte, genau bestimmen, das POW-Camp 2226 Cage II.

1‘Baracke 14’ Ein Erlebnisbericht von Günther von Einem. 1949.

Illustrationen:

  1. Situation 1935. Alle Kasernen im Nordteil wurden 1945 zerstört, deshalb wurden die Lager 2229 und 2375 als Zeltlager eingerichtet. (Quelle: KMLK 185-4459-4079h)
  2. „Barrack Street“, ehemaliges Kriegsgefangenenlager 2226 Käfig III, gegenwärtige Situation. Dies ist die einzige Baracke, die vom Kriegsgefangenenlager Zedelgem übriggeblieben ist, der Rest wurde abgerissen.
  3. Lage des POW-Camp Cage II, gegenwärtige Situation. (Google Earth)

Autor: Pol Denys
Mitglied des Stadtrates von Zedelgem, Belgien
pol.denys@telenet.be