Anmerkungen zum Ölgemälde WV-Nr. 733:

Vor der großen Schulreform war Bildung in Jever ein rares Privileg. Sie stand fast ausschließlich den Söhnen wohlhabender Familien offen und war eng an die Kirche gebunden. Unterrichtet wurden die wenigen Auserwählten von Geistlichen, häufig in einem kleinen Raum innerhalb der Stadtkirche oder in deren unmittelbarer Nähe. Dieser Unterricht hatte wenig mit dem heutigen Verständnis von Allgemeinbildung gemein. Ziel war nicht die freie Entfaltung des Einzelnen, sondern die Vorbereitung auf ein geistliches oder zumindest kirchennahes Leben. Kinder aus einfachen Verhältnissen blieben außen vor – eine soziale Trennung, die tief in der damaligen Gesellschaft verankert war.
Erst mit der Einführung der Reformation in Jever nach 1524 kam Bewegung in dieses starre Gefüge. Der Magistrat der Stadt fasste einen für die Zeit bemerkenswert fortschrittlichen Beschluss: Die Gründung einer Schule, die grundsätzlich allen Kindern offenstehen sollte. Der Unterricht fand zunächst vermutlich in einem Anbau der Stadtkirche oder im Gebäude der Superintendentur statt. Von einer eigenständigen Schule im heutigen Sinn konnte jedoch noch keine Rede sein – es fehlte an Räumen, Struktur und dauerhafter Finanzierung.

Ein entscheidender Schritt folgte am 22. April 1573. In ihrem Testament verfügte Fräulein Maria die Einrichtung einer Schule, die von fünf „gelehrten Gesellen“ getragen werden sollte. Der Bau eines eigenen Schulhauses blieb zunächst aus, doch der Unterricht setzte sich fort – bescheiden, oft unter schwierigen Bedingungen, aber kontinuierlich. Über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg bestand diese frühe Form der Volksschule und bildete das Fundament für die weitere schulische Entwicklung der Stadt.
Erst 1593 erhielt die Schule schließlich ein eigenes Gebäude. Am Kirchplatz, an der Einmündung zur Kleinen Rosmarinstraße, entstand die neue Lateinschule – ein Ort, der über Jahrhunderte hinweg prägend für die Bildungsgeschichte Jevers bleiben sollte. Im Erdgeschoss wohnten der Rektor und der Kantor, was die enge Verbindung zwischen kirchlicher und schulischer Autorität sichtbar machte. Unter der Herrschaft der Anhalt-Zerbster Fürsten entwickelte sich die Einrichtung zur weithin bekannten und sogenannten Provinzialschule. Bis 1818 diente das Haus als Schulgebäude und zog Schüler aus Jever und dem Umland an.
Mit dem Wachstum der Stadt und der steigenden Schülerzahl traten jedoch bald neue Probleme auf. Besonders die Bildung der Mädchen blieb lange Zeit nachrangig organisiert. 1640 kam es schließlich zur Trennung: Die Mädchen wurden aus der Lateinschule ausgegliedert und erhielten einen eigenen Unterrichtsraum in der Küsterei. Der Küster übernahm den Unterricht und vermittelte grundlegende Kenntnisse in Lesen, Schreiben und Religion. Doch die räumlichen Verhältnisse waren beengt, und schon bald wuchs der Wunsch nach einem eigenen Schulgebäude für die Töchter der Stadt. Zahlreiche Bürger unterstützten dieses Vorhaben mit Spenden und Stiftungen. Dennoch scheiterten die Pläne immer wieder an äußeren Umständen – insbesondere an den politischen Wirren der Zeit, darunter die niederländische und französische Besatzung Jevers zwischen 1807 und 1813.
Erst 1817, unter der Herrschaft Herzog Peter Friedrich Ludwigs, nahm das Projekt Gestalt an. In den städtischen Anlagen wurde ein neues Schulhaus für die Mädchen errichtet – ein längst überfälliger Schritt. Gleichzeitig erreichte den Herzog bei einem Besuch der Provinzialschule eine eindringliche Klage des damaligen Rektors Hollmann. Die Zustände im alten Schulgebäude am Kirchplatz seien unhaltbar geworden: zu eng, zu baufällig, den Anforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen. Die Reaktion des Herzogs war ungewöhnlich großzügig. Er schenkte der Stadt das sogenannte „Geheimratshaus“ an der Drostenstraße, besser bekannt als das Drostenhaus. Dorthin zog die Schule um, während das alte Gebäude am Kirchplatz seiner ursprünglichen Funktion beraubt wurde und in den folgenden Jahrzehnten zunehmend verfiel.
Mehr als 120 Jahre stand das ehemalige Schulhaus weitgehend sich selbst überlassen. Erst Mitte der 1930er Jahre rückte es wieder ins öffentliche Bewusstsein. 1936 begannen umfangreiche Umbau- und Sanierungsarbeiten, bei denen das Gebäude an neue Nutzungen angepasst werden sollte. Im Zuge dieser Maßnahmen wurde der bisherige Hauseingang zum Kirchplatz aufgegeben und an seiner Stelle ein zusätzliches Fenster eingebaut. Etwas oberhalb ließ man zudem einen Balkon anfügen.
Bei den Arbeiten stieß man auf ein bemerkenswertes Relikt aus der Schulzeit vergangener Jahrhunderte: den ehemaligen Karzer, den Arrestraum der Provinzialschule. In ihm fand sich ein Brett, in das die Schüler vor rund 200 Jahren ihre Namen, Initialen und Zeichen geritzt hatten – vermutlich während des Nachsitzens oder anderer Strafstunden.
Diese zufällige Entdeckung erregte großes Aufsehen. Der Heimatforscher Georg Janßen aus Sillenstede nahm sich der Inschriften an und konnte mehrere Namen eindeutig entziffern. Besonders aufschlussreich war, dass sich darunter nicht nur einzelne Buchstaben, sondern auch vollständige Namen fanden. Fünf ehemalige Schüler der Provinzialschule ließen sich sogar konkret identifizieren – Abiturienten der Jahrgänge zwischen 1784 und 1804. Unter ihnen befanden sich spätere Theologen, Juristen und Mediziner, also Männer, die ihren Weg in akademische Berufe fanden. Offenbar hatten auch sie einst im Karzer gesessen und sich dort verewigt – ein erstaunlich menschlicher Einblick in den Schulalltag jener Zeit.
Die Inschriften machten deutlich, dass Disziplin und Strenge zum festen Bestandteil des Schulbetriebs gehörten. Der Karzer war kein Randphänomen, sondern Teil eines Erziehungssystems, das Ordnung und Gehorsam über alles stellte. Gleichzeitig verleihen die eingeritzten Namen den anonymen Mauern eine persönliche Dimension. Sie erzählen von jugendlichem Übermut, von Trotz, vielleicht auch von Langeweile – und schlagen eine direkte Brücke zwischen den Schülergenerationen vergangener Jahrhunderte und der Gegenwart.
Mit dem Umbau der 1930er Jahre wurde das alte Schulgebäude erneuert in das moderne Stadtbild integriert. Doch die Entdeckung der Schülerinschriften sorgte dafür, dass seine frühere Bedeutung nicht in Vergessenheit geriet. Das Haus am Kirchplatz wurde so zu einem steinernen Gedächtnis der jeverschen Schulgeschichte – einem Ort, an dem sich Bildungsreform, soziale Ausgrenzung, Disziplin und persönliche Lebenswege auf eindrucksvolle Weise überlagern.
Die ehemalige Provinzialschule fand auch Eingang in das künstlerische Werk von Arthur Eden – eingefangen in einem Gemälde, das heute zu den fein beobachteten Stadtansichten zählt. Eden wählte eine Perspektive vom Kirchplatz aus, die dem Bild eine stille Würde verleiht und zugleich eine klare Einbettung in den städtischen Raum schafft. Rechts des Gebäudes öffnet sich die Kleine Rosmarinstraße, deren Verlauf sich tief in das Bild hineinzieht – beinahe bis zur Ecke der Waagestraße. So entsteht eine Komposition, die nicht nur das Schulgebäude zeigt, sondern das Quartier, in dem es verankert war.

Die gelb-braunen Farbtöne auf der linken Rasenfläche lassen sich ebenso als zusammengeharktes Laub wie als Reste eines abgeblühten Beetes interpretieren. Auch die Lichtverhältnisse geben Aufschluss über den Entstehungszeitpunkt: Während der Giebel des Schulgebäudes im Schatten liegt, wird die rechte Seitenwand von der Morgensonne beleuchtet. Auf den zweiten Blick fällt an der Fassade der Flaschenzug ins Auge, ein kleines, aber markantes Detail, das Eden mit sicherem Blick für den Alltag eingefangen hat. Die Wand zeigt abgeplatzte Stellen im Putz, durch die der alte Backstein hervortritt – Spuren der Zeit, mit feinem Pinsel erzählt. In den Fenstern blühen kleine Blumen, kaum merklich – ein Hauch von Leben, der das Bild still belebt.
Bemerkenswert ist ein feiner Hinweis im Werk selbst: die Aufschrift „Kopie“. Sie lässt vermuten, dass es sich um eine Zweitfassung handelt – möglicherweise von Eden selbst geschaffen, vielleicht aber auch nach einer Fotografie oder einer Vorlage eines anderen Künstlers ausgeführt.
Zwar trägt das Bild die Datierung 1936, doch sprechen der verwendete Keilrahmen sowie der Erhaltungszustand der Leinwand im Vergleich mit gesicherten Werken aus dieser Zeit dafür, dass es erst deutlich später entstanden sein dürfte.
Bis 1972 blieb das Bild im Besitz des Künstlers. In jenem Jahr übergab es Arthur Eden gemeinsam mit vielen weiteren Werken dem Jeverschen Altertums- und Heimatverein. Diese Übergabe war Teil der Einrichtung der Arthur-Eden-Galerie im Eulenturm des Schlosses, wo das Werk fortan als ein bedeutendes Beispiel seines Schaffens in die Sammlung aufgenommen wurde.
Autor: Andreas Grundei












